Sonntag, 22. Mai 2011

Alte Wunden bluten doppelt

Jeder Mensch trägt ansich, je älter er wird, gewisse Dinge weiter mit sich, die ihn im Laufe seines Lebens ereilt haben. Schlimmstenfalls haben sie tiefe Wunden hinterlassen, dessen Heilung schon allein deswegen so lange dauerte, weil der Anlass im Vergleich zu den alltäglichen Rückschlägen schon brutaler war.

Je länger es her ist, umso gefährlicher sind diese Wunden. Geraten sie doch, naturgemäß, immer weiter in Vergessenheit, vor allem, wenn Anlässe zur Reaktivierung des Erlebten einfach nicht da sind. Gerade erfahrene Wunden hat man da meist noch besser im Gedächtnis, man geht in die Vermeidung von Situationen, schon präventiv, weil man weiss, wohin es schlußendlich führen kann. Liegt etwas vielleicht schon Jahrzehnte zurück, hat man es, normalerweise, nicht mehr täglich auf dem Schirm, umso gewaltiger kommt der Moment, wenn genau diese erlittene Wunde angerührt wird, ohne das man vorher damit rechnete. Richtig bitter wird es, wenn es noch Menschen hineinzieht, die nicht im geringsten wissen können, was sie da gerade getan haben. In Ihrer Naivität der Bewertung von Momentaufnahmen auch überhaupt nicht im Traum daran dachten, das eine bestimmte Verhaltensweise Panik beim anderen auslöst. Nackte Angst, Tränen bei dem einen und Verstörtheit auf beiden Seiten. Unfähigkeit, damit umzugehen, Entschuldigungen, die reaktionslos aufgenommen und erstmal an der Panikreaktion des Anderen abprallen.

Schlechtes Gewissen, was sich auf beiden Seiten breit macht. Dem Auslöser der Situation und vor allem auch dem "Opfer" dieses Momentes. "Was habe ich bloß getan?" denkt vielleicht die eine Seite... "Was tust du dem Menschen mit Deiner Reaktion gerade bloß an, er konnte es nicht wissen....." reisst das Gewissen, des Anderen in Stücke. Dejavu´s, alte Angstgefühle, Bilder machen sich wieder breit, die der andere nicht sehen, nicht mal erahnen kann. Trotzdem belastet man diesen mit der Reaktion, die von einer auf die andere Sekunde von "Gut" in "Böse" umschwenkt. Man schämt sich, aber die Angst bleibt erstmal. Natürliche Schutzfunktionen des Gehirns, was einem sagt "Pass auf, Du weisst...damals...."

Man schaut dem Menschen ins Gesicht und sieht Parallelen, man vermutet Gemeinsamkeiten, die nicht da sind und zieht innerlich die Waffe zur Verteidigung "Noch einen Schritt" Der Schritt passiert nicht, trotzdem steckt man die Waffe nicht ein, hält sie weiter im festen Griff der Angst, ballt die Hand zur Faust und bleibt auf Obacht bis man merkt, das die Anspannung abfällt, nicht ganz verschwindet, aber mit Blick auf das entsetzte Gessicht des Gegenübers sich relativiert.

Alte Wunden bluten doppelt und in der Lache dieses Blutes standen an einem Abend im Mai zwei Menschen, die noch 5 Minuten vorher nicht daran dachten, das die Vergangenheit einen schneller einholen kann, als einem lieb ist.

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