Das Buch ist "ausgelesen". Es ließ mich traurig und hoffnungsvoll zugleich zurück.
Zu lesen, wie ein Mensch den Bezug zum Leben, den Bezug zu seiner schlimmen Krankheit, den Bezug zu seinem Umfeld und all dem, was in prägte, ver- und aufarbeitet, immer an der schmalen Grenze zwischen Depression und Zuversicht, war, vorsichtig gesagt, für mich als Tiefschürfer brutal. Es waren nicht die Beschreibungen der Krankheit als solche, die Angst vor Schmerzen, die Vorstellung, sein Leben in die Hände von Ärzten und der Medizin als solche zu geben....es waren die Gedanken und Retrospektiven, die Schlingensief beschrieb. Das Nachdenken über Religion, Gott und all dem, was an seinem Leben hing und eigentlich immer eine Rolle spielte und nun infrage gestellt wurde. Die Sehnsucht nach Antworten, die immerwährende Suche danach. Die Fragen, ob er sein Potential richtig eingesetzt hat. Für sich aber vor allem, für die Menschen.
Was wurde er für seine Projekte doch verteufelt, angeprangert, als Provokateur an die Wand gestellt....aber was haben auch diese Projekte in den Menschen ausgelöst. Von Scham bis Abschaum, Applaus und Verachtung, aber eines hat er immer geschafft, und da bin ich mir sicher. Er hat gezeigt! Drauf gezeigt! Den Finger, nicht das Messer, in die Wunde gesteckt, denn er wollte nie verletzten, er wollte den Menschen die Möglichkeit geben, Schmerz wahrzunehmen, und wenn es sein eigener war.
Christoph Schlingesief wurde, wie ich, im Zeichen des Skorpiones geboren. Am 24.10.1960. Vielleicht ist das der Grund, warum ich beim Lesen seines Krebs-Tagebuches und auch beim Ansehen einer sehr guten Doku, ausgestrahlt noch vor seinem Tod im Jahre 2010, mehrfach die Tränen nicht zurückhalten konnte.
Er nannte Dinge beim Namen, die mir eben sehr bekannt und vom Gefühl her so vertraut vorkamen. Seine Sicht der Ding, die Tatsache, das er sich mit einigen Dingen einfach bis zu seinem Tod nicht abfinden konnte und sein steter Drang zum Idealismus und sein Kampf für Projekte, die skuriller nicht hätten nach Außen wirken können, und doch soviel Subtanz hatten, man musste sich nur drauf einlassen, haben mich beeindruckt und ich habe festgestellt, das ich viel, viel zu wenig mich mit diesem Menschen beschäftigt habe.
Eines hat mir dieser, noch sehr kurze Ausflug, in seine Welt gezeigt. Es gibt sie, die Menschen, die einfach ihre Sicht der Dinge, ihre Fragen an das Leben und ihre Visionen umsetzen, vielleicht nicht alle umsetzen konnten, aber in ihrem Rahmen versucht habe, es den Menschen um sie herum greifbar zu machen. Auch auf die Gefahr hin, als völlig freakig und provokant abgestempelt zu werden.
Er konnte "umsetzen", eine Fähigkeit, die ich nicht besitze, außer im Schreiben vielleicht.
Und so bin ich weiterhin irgendwie allein in meinem "Raum" mit der Befürchtung, vielleicht irgendwannn an dem ganzen Gedankenzeug zu ersticken, Dinge, die ich alle gern noch aufgearbeitet hätte, aber es vielleicht nicht mehr kann. Weil die Zeit fehlt, die Gelegenheit, das Ventil. Warum kann ich nicht wenigstens malen? Dinge, die ich rausschrei(b)en würde, den Finger drauf und brüllen "Guckt Euch diese Scheisse doch mal an" Und davon gibt es so verdammt viel, Dinge, die mich tief im Innersten ankotzen, das schon eine absolute Abscheu gegen bestimmte Verhaltensweise von Menschen vorherrscht, die lediglich durch mein doch manchmal noch missionarisches Wesen ausgeglichen wird. Ich habe es mit den Lehren des Buddhismus, sich in diese reinzulesen, zu verstehen und etwas davon mitzunehmen versucht. Es funktioniert bedingt. Vielmehr ist es tagesformabhängig, wieviel Gleichmut und Mitleid ich mit Menschen entwickeln kann. Aber vielleicht verlangt der Buddhismus das auch gar nicht, die Perfektion, das 100%ige. Ich finde aber schon, das an dem "Karma-Ding" was dran ist.
Wenn man trotzdem Menschen am liebsten erst verprügeln würde, damit sie wach werden, um sie dann aber zu trösten und ihnen zu sagen "Ja, aber Du kannst das alles noch ändern, korrigieren, besser machen, ehrlicher. Komm her, ich möchte dich dabei auch unter- und beschützen " das wäre wohl mein Weg.
Ich denke schon, das es ein Fluch ist, Menschen gleichzeitig zu lieben und zu hassen, erwische ich mich doch auch immer wieder dabei, Menschen, die ich nicht mag, oder die ich aus welchen Gründen auch immer, wenig bis gar nicht respektiere, oder die mich verletzten, versuche, mit dem passenden Mittel runterzuputzen, zu erniedrigen, wo vielleicht tatsächlich Mitleid eher angebracht wäre. Mund halten. Sein lassen. Ich kann es nicht. Aber vielleicht heiligt der Zweck auch das Mittel, einem Menschen ganz klar damit Grenzen aufzuzeigen, bis hierhin bei mir Scherge, und keinen scheiss Schritt weiter.
Wir schreiben Mittwoch, den 19.01.2011 und in meinem Kopf ist derzeit wieder sehr viel ungeordnet, aber ich danke den Menschen, auch wenn es posthum ist, die es immer wieder schaffen, das Zeug da oben rauszukitzeln um mich dazu zu bringen, auch wesentlich tiefer im eigenen Dreck zu wühlen, als man es wohl gemeinhin tut, zumindest ist das mein Eindruck von vielen Menschen in meinem direkten Umfeld. Der eigene Dreck ist immer noch der erschreckenste, also lassen wir davon mal besser die Finger und machen schnell die Tür zu. Und scheisssen den Nachbarn, Kollegen oder die Schwiegermutter an. Oder surfen auf einer Welle der Oberflächlichkeit, das einem Angst und Bange wird, wenn man darüber nachdenkt, was passiert, wenn diese Menschen wirklich mal zwangläufig mit menschlichen oder gesundheitlichen Abartigkeiten konfrontiert werden. Das macht mich genauso traurig, wie die Tatsache, das diese Menschen mich vielleicht nie wirklich verstehen werden. Oder, im schlimmsten Fall, nach kurzer Zeit Reissaus nehmen.
Daher, wieder einmal, ein Dank an die Leute, die immer noch da sind :-)
Du kannst nicht malen, wie Du nicht schmieden kannst...;-)
AntwortenLöschenAber Spass beiseite, Du bist nicht allein. Drück Dich aus, und wenn Du in die Ecke scheisst.
Dein Weg hört sich sehr nach modernem Bujinkan an.